Juli Gilde
FOTO: © sandra ludewig
Musiker:in

Juli Gilde

Das sagt der/die Künstler:in:

Der erste Abend auf dem Jahrmarkt, die Achterbahn fährt zwischen Zuckerwatte und Gruselkabinett blitzend gen Sternenhimmel, Menschen rufen, lachen, werfen mit bunten Bällen auf Aludosen. Und mittendrin eine Anfang 20-jährige Person, die jedes Detail dieser Kulisse und noch viel mehr wahrnimmt. Die sieht und hört und schnuppert und dabei das Gefühl hat, in diesem Moment alles gleichzeitig sein zu wollen. Zu müssen. Laut und leise, zerbrechlich, aufgekratzt und voller Gedankensprünge in eine weit entfernte Zukunft rennend. „it’s hard to be a blizzard“ - es ist anstrengend jemand zu sein, den es noch nie gab und das dann auch noch so gut wie möglich.

So oder so ähnlich müsste man wohl Setting und Stimmung des Debütalbums der Indie-Künstlerin Juli Gilde beschreiben. Die Melancholie und dunkelblaue, ruhige Zurückhaltung ihrer ersten beiden EPs haben sich verzogen. Stattdessen rauscht hier eine Indiepop-Platte an, die lauter, größer und mutiger ist als alles, was die Berlinerin bisher veröffentlicht hat. In hellgrün, blau, rosarot, gelb und schneeweiß strahlen Julis Lieder, sind vielfältig, chaotisch und ohne roten Faden. Und bei all dem Trubel trotzdem auf ne komische Art und Weise ziemlich wunderbar. Wie eben auch das Leben mit Anfang 20. Natürlich gibt es die obligatorischen Heartbreak-Songs und eingebildeten Liebeslieder. Aber immer ist da auch eine Leichtigkeit vorhanden, die sich durchs Album zieht: Ob spieluhrartiges Gitarrenarpeggio oder murmeliger, hochnostalgischer Synthie, überall kommt dieses Gefühl vom Abheben des Brustkorbes durch, wie wenn man als Kind über etwas ganz Besonderes gestaunt hat. Zusammengehalten von einer Stimme, die, einmal gehört, nicht mehr aus dem Ohr verschwinden will. „Ich schreib über Dinge, die mich beschäftigen und versuche damit mein Innenleben meinen Mitmenschen verständlich zu machen. Das sind ja eigentlich auch Gedanken, die jede:r irgendwann mal hat: Was geht eigentlich in meinem Kopf ab, warum arbeiten Hirn und Herz so oft gegeneinander, wieso komme ich nicht klar mit der Welt und ihren Menschen.“ sagt Juli über die Motive in ihren Liedern.

Auf „it ́s hard to be a blizzard“ haben ganz bewusst mehrere Menschen mitproduziert. Die Diversität der Sounds spiegelt sich auch in der Bandbreite der Mitwirkenden. Von Newcomer-Produzent Chris Trumpf (Metty, Meller, Eala) über Jeremias Heimbach, Markus Wilfinger, David Jürgens bis hin zum ehemaligen Wir sind Helden - Mitglied Jens Eckhoff. Als hätten viele Leute zusammen ein riesiges, buntes Panorama gemalt. Chris Trumpf, Julis Hauptproduzent für das Album, hat dann alles nochmal feingeschliffen, drübergezaubert und zusammen mit der Künstlerin diesen wunderschönen, indiemäßigen, manchmal etwas obskuren Sound erzeugt. Juli selbst hört am liebsten die Musik deutsch- und englischsprachiger Indiegrößen wie Wir sind Helden, Phoebe Bridgers, Die Höchste Eisenbahn, Arlo Parks, Betterov oder Boygenius. Diese Bands und Künstler:innen waren während der Produktion auch definitiv Inspirationen für Sound und Ästhetik. Einflüsse sind also da, was die Platte trotzdem von diesen Projekten unterscheidet, sind vor allem Juli Gildes Songtexte, die von Außen oft als sehr eigen oder merkwürdig beschrieben werden. Auf jeden Fall textet aktuell in diesem Land kaum jemand wie sie. Es gibt Zeilen und ganze Passagen auf dem Album, die fast schon hermetisch anmuten: Wer nicht weiß, was der Gedanke hinter dem Text oder der Geschichte ist, wird es mit aller Wahrscheinlichkeit auch nicht durch einfache Interpretation herausfinden.

„Hallo“ (eine Collage jahrelanger Albträume und Erlebnisse aus schwierigen, dunklen Zeiten) oder „Ein Lada steht im Parkverbot“ (eine Hommage an den verstorbenen Autoren Wolfgang Herrndorf, der seinen ganz eigenen Weg in die Handlung des Textes gefunden hat) sind solche Lieder. Daneben funkeln beinahe selbstverständlich Pophits wie „Rosarot“, „Wieso eigentlich“ (eine kleine Verbeugung vor „Nur ein Wort“ von Wir sind Helden), „Gleis 13“ (als größter Heartbreaksong auf dem Album) oder das kalt-strahlende „Nichts tut gut“, ein Feature mit der befreundeten, wunderbar punkigen Künstlerin NIKRA.

“Diese Songs, die ich über die letzten zweieinhalb Jahre geschrieben und teilweise auch co-produziert habe, die knapp 40 Minuten Musik und Text und Geräusche, von Dino-Schreien über ein stimmendes Orchester bis hin zu alten Funkradios... in diesem Moment, in dem ich diesen Text schreibe, wird mir bewusst, wie sehr dieses Chaos trotzdem zusammenpasst, euphorisch, panisch, immer unterwegs und gleichzeitig festgehalten, wie ein Schneesturm, in einer dieser Glaskugeln, die man auf dem Weihnachtsmarkt oder Rummel kaufen kann. Jup, it ́s freaking hard to be a blizzard, aber vielleicht kriegen wir das, zumindest mit dieser Platte eigentlich ganz gut hin.”

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